Community Organizing für Studierende mit Behinderung

Weshalb denn eigentlich nicht? Sieht Mensch sich die Gründe an, weshalb es überhaupt Community Organizing gibt, könnte man drauf kommen, dass dies auch eine sinnvolle Variante von Empowermentarbeit sein könnte. Die Community oder Gruppe erstmal einzuladen zum mitmachen, den Mitmachenden Möglichkeiten des Engagements und der selbstbestimmten Vertretung der eigenen Interessen zu eröffnen und sie bei der Arbeit und Umsetzung dann begleiten.

Das können dann Projekte sein, dass kann aber auch dann von der Gremienarbeit, über einzelne Workshops zu einzelnen Themen oder auch Gruppenarbeit an sich sein. Dabei ist das Feld sehr weit und Möglichkeiten fast grenzenlos. Das wiederrum birgt zwar die Gefahr, dass es beliebig wird. Eingegrenzt wird die Gefahr und die Möglichkeitswelt aber durch die gemeinsame Position, dass alles was Mensch macht, der Verbesserung der Situation der Gruppe und des einzelnen dienen muss.

Community Organizing demnächst vielleicht in der Stadt Gießen für, mit und durch Studierende mit Behinderung. Ab 2014.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Freitagabend. Und dann so?

Gott nimmt sich den Sonntag frei, höre ich und die Musik geht doch an mir vorbei. Unfassbar, immer wieder unfassbar. Das geht mir durch den Kopf. Weshalb mache ich dass dann hier überhaupt. Macht das überhaupt irgendeinen Sinn? Wenn es nicht um die Leute ginge, hätte ich schon längst aufgehört, denke ich mir, und mache weiter.

Weshalb ist das denn so? Weshalb bekomme ich erklärt, dass eine Entscheidung noch drei Wochen dauert, aber es geht gar nicht mehr um dieses Jahr, sondern erst frühestens um nächstes Jahr. Wieder eine Auskunft, die sich als erbärmlich herausstellt. Erbärmlich, weil die Wahrheit nur um die Ecke erkennbar ist, wenn es sich überhaupt um Wahrheit handelt.

Die Menschen sehen mich an und meinen, dass es toll wäre, was wir und ich hier machen. Es wäre sehr viel Herzblut da, sagen sie. Sie meinen, dass es richtig wäre, was und wie wir es machen. Aber nein, dafür haben sie kein öffentliches Geld.

Öffentliches Geld, worüber nur eine kleine handvoll Menschen entscheidet. Geld, was vielen weiterhelfen würden. Und nein, gar nicht so viel Geld. Aber viel Geld für uns, Geld was jetzt fehlt, mehr noch als vor einer Woche. Damals gab es noch die Möglichkeit, jetzt gibt es wieder viele Monate nichts.

Ich möchte diese Herrschaften anschreien: Kapiert es endlich, es geht nicht um irgendwas, es geht um uns, um die Frage, wie wir leben wollen und ob wir hier dazu etwas zu sagen haben, oder ob wir mal wieder mundtot gemacht werden sollen.

Es geht um Geld für Miete, für Versicherungen, eben für banales. Aber ohne das banale ist auch das tolle Projekt tot, da die Basis nicht da ist. Kapieren sie es, die Herrschaften, die  weit weg im Kopf über was entscheiden, ohne Ahnung davon zu haben.

Ich bin immer noch fassungslos. Aber es ist Freitagabend. Ich muss es vergessen, für drei Abende, bis die Woche wieder beginnt, und ich empfangen werde vom kaltlächelnden und entspannt dasitzenden Problem, das auf mich gewartet hat, auch drei Abende lang. Sehr entspannt, dieses Problem.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Vielleicht doch etwas Kultur?

Ist mal so ne Überlegung, warum nicht auch etwas Kultur mitmachen. Einfach machen.

 

AndersArt.einfachmachen.giessen.2013

 

Bühne frei…für AndersArt

Wer will zeigen, wer er ist, wer will erzählen, warum es sie gibt, wer kann singen, weshalb er liebt.

Menschen mit Behinderung erobern die Bühne. Mit ihrer eigenen Leidenschaft, mit ihren eigenen Ideen, mit ihrer eigenen Kultur. Jeder Mensch hat seine eigene Welt, seine eigene Kultur, und jeder Mensch will etwas sagen, auf ihre oder seine Art. Wir organisieren Räume, offene Räume, ohne Zutrittsbeschränkung, Zeiten, ohne Grenzen, Ebenen, ohne Kanten,

Wir wollen nicht nur uns verändern, wir wollen die ganze Welt verändern, und Gießen ist Teil davon. Gebt uns unseren Platz, damit wir ihn mit euch teilen können. Wir wollen teilen, wir wollen Teil davon sein, wir wollen einen Teil haben, wir wollen Teilhabe.

Zeitlinie:

Winterdienst: Abklopfen möglicher Kooperationspartner (erstmal: Stadttheater, Stadtkulturamt, Kümmerei, Theater- und Kunstpäd-Wissenschaft (StudentInnen), VHS-Kulturbereiche

Frühlingserwachen: Februar bis Mai 2013, Öffentlichmachen von Mitmachmöglichkeiten

Sommerparty: Erstes Treffen und Kennenlernen bei einem AndersArt-Festival Anfang Juni (oder angekoppelt an AStA-Sommerfestival)

Herausbilden von „Arbeitsgruppen“, die relativ autonom bis November weiter arbeiten

Weihnachtsart: Vorstellung der Ergebnisse im Dezember, Entscheidung über die Fortdauer des Projekts

Notwendige Struktur:

Personal (halbe Hauptamt, HonorarhelferInnen, Künstler)

Räume, Reisen und sonstiges (Versicherungen, Gema, etc)

Und sonst noch: Live-Konzerte, Jam Sessions, Ausstellungen und Performances, Kleinkunst, …

Finanzierungsmöglichkeiten:

Spenden, Förderung Aktion Mensch, Förderung Kulturförderung Stadt, Landkreis, Land, Bund, Eu, Stiftungskulturförderung

 

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Mensch sein – alles andere ist unwichtig

Hab ich das Recht zu leben, darf ich hier sein? Warum gibt es mich überhaupt, wenn ich zu nichts zu gebrauchen bin, wenn ich so unwert bin, wenn ich einfach abgeschafft gehöre?

Nein, das sind alles falsche Propheten, dumme Menschen, ignorante, fehlgeleitete, arrogante, irrgläubige, falsche, hässliche, überhebliche…

Aber warum kommt es so oft vor? Einige reden gar nicht mehr mit dir, schauen dich immer wieder abschätzig an, sogar deine Eltern wollen, dass du nichts davon erzählst, dass die Krankheit unter dem Deckmäntelchen bleibt. Warum tun die alle nur  das, haben die alle Unrecht?

Recht, gerecht, Recht haben, im Recht sein. Ja, das bin ich. Aber warum ist meine Realität eine ganz andere? Hat das Recht so gar nichts, überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Warum gibt es dann sowas wie Recht überhaupt, wenn es vollkommen egal ist?

Du machst Dir viel zu viele Gedanken. Verdränge das einfach, und dir geht es wieder besser. Das weißt du doch! Das hast du doch schön einige male erlebt und dann war es wieder besser, oder?

Ja, einige Stunden, einige Tage. Und dann war sie wieder da, diese scheiß Ohnmacht, dieses Gefühl von Hilfslosigkeit. Und was  fast noch am schlimmsten ist: diese Sprachlosigkeit. Der Mund wie zugeklebt, in Schockstarre verharrend, wenn mal wieder so ein Blick kam, eine kurzes Wort, ein halber Satz, reichen, um mir den Garaus zu machen.

Nebel zieht über mein Bewusstsein, erzwungene Pausen vom hier und jetzt, von der Tatkraft, von dem Weitermachen. Nein, du bist nicht faul. Oder doch? Große Steine ziehen mich runter, in mir drin. Ich kann sie nicht loswerden. Immer tiefer sinke ich hinein.

So, jetzt muss aber mal gut sein. Lange genug einen auf depressiv gemacht, ist ja eh alles nur Einbildung. Was soll das überhaupt, kann mir das mal jemand erklären. Vielleicht einer der Ärzte. Ne, war nur ein Witz.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Stell Dir vor

Stell Dir vor, Du hast morgen einen Unfall.
Einige Stunden später wachst Du im Krankenhaus auf.
Sie sagen Dir, Du wärst ab sofort behindert.
Sie sagen Dir, Du bräuchtest jetzt Hilfe.
Sie sagen Dir, dass Dein Leben, so wie Du es gekannt hast, vorbei wäre.
Sie sagen Dir, du müsstest in ein Pflegeheim, du könntest nicht mehr zu Hause bleiben.
Sie sagen Dir, Du müsstest Deinen Beruf aufgeben, dass ginge jetzt halt nicht mehr.
Sie sagen Dir, dass Du mit sehr vielen Einschränkungen rechnen musst.
Sie schauen Dich an, und haben Mitleid.
Du kommst in ein Pflegeheim,
Du bekommst Medikamente,
Du kannst ab und zu in die Stadt,
Du kannst ab und zu noch einige Deiner alten Freunde treffen,

Und dann stell Dir vor, dass Du nicht alleine wärst, dass es Menschen gibt, die genau
das schon erlebt haben, die alleine und in der Gemeinschaft, selbstbestimmt, frei und nach ihren Wünschen und Fähigkeiten leben.
Stell Dir vor, dass auch Sie Angst haben und hatten, dass auch sie sich entmündigt gefühlt haben, dass auch Sie sich wehren mussten.
Stell Dir vor, sie haben es geschafft, sie leben ihr eigenes, selbstgewähltes Leben, mit der Hilfe, die sie selbst ausgewählt haben, zu Hause, in ihrem Beruf, in der Schule oder im Studium.
Sie konnten es tun, auch weil sie nicht alleine waren, weil sie sich gegenseitig halfen, egal welche Art von Krankheit oder Einschränkung ihnen vom Arzt erklärt wurde.
BEHINDERT WERDEN – HEUTE ICH – MORGEN DU
Behinderung kann jeden treffen.
Werde Mitglied, Spende Zeit, Geld und Deine Ideen
für eine Gesellschaft für Alle

www.zsl-giessen.de

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Gießen behindert – oder nicht?

Alle reden von Inklusion. Die Kommunalpolitiker beschließen Behindertenbeiräte. Das hessische Schulgesetz wird damit konfrontiert. Die LehrerInnen beschweren sich, weil sie damit nicht zu recht kommen. Oder nicht mit den Rahmenbedingungen.

Und sonst? In Gießen findet 2014 eine Landesgartenschau statt. Protest hin  oder her oder zurück. Und es gab die Aussage, dass die Schau an sich barrierefrei sei. Überprüft wurde das noch nicht. Aber klar ist auf jeden Fall, dass Gießen entweder gar keine oder nahezu keine barrierefreien Hotelbetten hat. Falls es welche gibt, halten sie sich gut unter Verschluss, man kann sie zumindest nicht entdecken. In der Hotelliste des Tourismusbüros stehen solche schöne Worte drin wie “barrierearm” oder “behindertenfreundlich”. Die größte Sauerei ist dann meines Erachtens, wenn ein Hotel mit “barrierefrei” wirbt, es dann faktisch aber wenn überhaupt “barrierearm” ist. Gestaunt hab ich dann aber über das Hotel, was am Telefon erklärt hatte, dass die Türbreite auf jeden Fall größer als 75 cm wäre. Nachgemessen wurden dann 60 cm. Wer sich dann also auf die Auskunft verlässt, hätte verloren.

Und dann gibt es noch das seltsame Blindenleitsystem in der Stadt. Die Markierungen auf dem Boden hören ab und zu einfach mal direkt an der Hauswand auf, festgestellt im Seltersweg. Nichts gegen verkaufsfördernde Werbung, aber das geht dann doch etwas zu weit, wenn man an die Hauswand von Seltersweggeschäften geführt wird. Ohne dass dort ein Eingang wäre.

Dann noch ein paar einfache Fragen:

- gibt es in Gießen inklusive Wohngemeinschaften, wo Menschen mit und ohne Behinderung barrierefrei wohnen können?

- warum gibt es in Gießen bzw. dem Landkreis keine ausgewiesene Statistik für arbeitlose / arbeitssuchende Menschen mit Behinderung?

- warum gibt es in Gießen sehr viele Arztpraxen, die nicht barrierefrei sind. und warum gibt es dazu keine wahrnehmbaren Änderungsbestrebungen?

- wie soll ein ehrenamtlich besetzter Behindertenbeirat einen kommunalen Aktionsplan ausarbeiten, ohne dafür die notwendige Zuarbeit gesichert zu haben

- wieso schlagen die meisten Sachbearbieter bei Arbeitsagentur, Landkreis oder Rentenversicherung (bzw. Servicestelle Reha) die Hände über den Kopf zusammen, wenn sie nur das Wort “persönliches Budget”  hören. wieso werden anträge nicht gesetzeskonform angenommen, wenn in ihnen das persönliche Budget beantragt wird?

- wieso erklärt ein verantwortlicher Kreispolitiker, dass es nicht notwendig wäre, dass es das Zentrum gebe, dass doch schon alles in Gießen vorhanden wäre, was für Menschen mit Behinderung notwendig erscheine. inklusive der Frage, wieso Selbstvertretung heute immer noch begründet werden muss.

Antworten: selten bis nie

Bemühungen: nicht sichtbar.

Nein, satt und sauber reicht halt nicht mehr.

 

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Du willst mich in Frage stellen?

Es geht um Volksgesundheit, es geht darum, dass Mensch vor der Geburt herausfinden kann, ob das Kind mit einer Behinderung zur Welt kommen könnte. Es geht darum, dass mittlerweile wieder vieles zulässig ist, was einmal als Tabu galt, nachdem die Nazis viele von uns um die Ecke und vieles mehr angestellt hatten mit uns.

Du willst mich in Frage stellen?

Du willst mich in Frage stellen? Weil ich so bin, wie ich bin, weil ich kurz nach meiner Geburt an einer Krankheit litt, deren Folgen ich heute noch spüre? Du, Gesellschaft, Genmedizin, Du, Politik, Wirtschaft, Du, der Du noch nie in Deinem Leben Einschränkungen, Diskriminierung und Ausgrenzung erlebt hast. Du willst mich in Frage stellen?

Die einzige Antwort, die ich für Dich habe: geh zum Teufel, schäme Dich, lass Dich einsperren in das Moralgefängnis, wo schon Hitler und Göbbels sitzen müssten, ich werde dich bekämpfen, so lange ich noch einen einzigen klaren Gedanken habe.

Ich werde Dich bekämpfen in und durch eine solidarische Gruppe, die der Krüppel, die der ausgegrenzten, die der entrechteten, die der bevormundeten, die der gefesselten, fixierten und eingesperrten, die der ungewollten und nicht geborenen.

Du willst entscheiden, wer leben darf, was wir kosten dürfen, wie wir leben dürfen. Du willst mir sagen, wen und wann ich lieben darf, wann und was ich essen darf, wann ich aufstehen muss und wann ich ins Bett gehen soll. Du willst mir erklären, was das beste für mich und mein Leben sein soll.

Geh zum Teufel! Und wenn Du nicht selbst gehst, sei Dir gewiss, ich werde mit meinen wirklichen Freunden gegen Dich kämpfen, mit allem was ich habe, mit jeder Kraft, die ich aufbringen kann. Sei Dir gewiss, Du und Dein Zeitgeist, Du und Deine Drecksideologie aus vergangenen braunen Zeiten, Du und deine wirtschaftliche Verwertungslogik, ihr alle werdet in Frage gestellt, nicht nur von uns Krüppeln, nicht nur von den Entrechteten,  bald auch von den Armen, den Arbeitslosen, den entrechteten ArbeiterInnen.

Ihr werdet am Ende selbst sehen, dass Eure Überzeugung Euch selbst hinwegfegt, weil Ihr selbst irgendwann arm, alt, behindert, eingeschränkt, entkräftet oder einfach nur selbst seht, dass Eure Zeit vergangen ist.

Diese Zeit ist vorbei. Eure Zeit ist vorbei! Unser Kampf hat erst begonnen, erst vor wenigen Jahrzenten. Aber wir werden weitermachen, bis alle befreit sind, bis alle leben können, bis jeder Teil dieser Gesellschaft sein darf.  Weil wir nicht anders können. Es ist ein Teil von uns, der bleibt, der zu uns gehört, der zu uns sagt, dass wir kämpfen müssen, um gleich behandelt zu werden. Und weil wir gleich sind, kämpfen wir, weil wir so sind, weil wir nicht anders können. Wir müssen kämpfen!

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Krüppelstolz – Der Anfang

„Für diese armen Menschen“, sagte der Kommunalpolitiker im Gießener Sozialausschuss, als es um die Einführung eines Behindertenbeirats ging.

Ich entdeckte zwei Fehler: für und arm. Warum soll etwas für uns passieren, wir wollen das ganze doch selber machen. Und warum sind wir arm. Manche von uns sind das, aber eigentlich war ja etwas andere gemeint. Ich wollte schon reinrufen, dass ich mich ziemlich reich fühle, reich an Überzeugung, reich an Überwindung, reich an eigenem Selbstbewusstsein, reich an Ideen und an Kraft. Aber ich lies es bleiben, mittlerweile zu diplomatisiert im Kopf, als dass ich das einfach schreien könnte. Leider.

17 Jahre zuvor:

Ich mache meine Augen auf, liege auf eine Bahre, die sich bewegt. Ich sehe um mich herum ziemlich viele Köpfe, über mir. Ein kurzer Augenblick dauert es, bis ich merke, dass das ja meine Mitschüler und mein Lehrer sind. Ich bekomme erzählt, dass ich einen epileptischen Anfall hatte. Ich beginne zu heulen, ich kann nicht mehr, mein Alptraum wurde Wirklichkeit, kurz vor meinem 18. Geburtstag.

Ich war gerade im zweiten Lehrjahr als Verwaltungsangestellter. Es sollte doch ein Büroberuf sein, der auch ohne Abitur möglich war. Entschied ich. Oder doch eher meine Eltern? Nach dem gescheiterten Versuch im Nordpfalzgymnasium klarzukommen, als ich als 10-jähriger erklärt bekommen habe, dass ich nicht in ihr Leistungsschema passe, und in der benachbarten Hauptschule eher schlecht als recht zurecht kam und meinen Realschulabschluss machte, wurde ich Auszubildender bei der Verbandsgemeindeverwaltung Kirchheimbolanden. Schon mit 14 hatte ich im Urlaub in Büsum den ersten großen Anfall, zumindest den ersten, den man mitbekommen hatte. Schon vorher war ich öfters mal in der Schule weggetreten, auch nach dem großen Anfall blieben die kleinen, bis heute. Heute kann ich damit umgehen, aber als Teenager, der Anerkennung will, der zur Gruppe dazugehören will, der deshalb mitsäuft und die ganzen anderen Sauereien mitmacht, und dann auf einmal öffentlich anders ist.

Anfallskranker, Epileptiker oder doch vom Teufel besessen. Gott sei Dank lebte ich nicht 20 Jahre vorher zum Beispiel in südwestdeutschland mit einem total Gottgläubigen Elternhaus. Dennoch war es nicht leicht, als klar war, nach dem zweiten großen Anfall auch medizinisch bestätigt: ich war Epileptiker.

Im Krankenhaus in Kaiserslautern haben sie mir dann auch kurzerhand klar gemacht, auch meine Eltern, dass mein Leben, so wie es bis jetzt war, zu Ende ist. Ich müsse zu festen Uhrzeiten ins Bett, aus dem Bett, müsse Medikamente  nehmen, dürfe keine Drogen nehmen und auf keinen Fall in die Disko. Das Flakkerlicht wäre Gift für mich, und es müsse unter allen Umständen verhindert werden, einen weiteren Anfall zu bekommen.

Die Ausbildung machte ich noch zu Ende, aber es wurde nie wieder so, wie es vorher war, mit meinen Freunden und Kollegen in der Berufsschule, mit meinem damaligen Freundeskreis, mit meinen Eltern, mit allen Menschen von damals. Es war anders, ich fühlte mich minderwärtig, ausgesetzt und vor allem sehr alleine.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar