Krüppelstolz – Der Anfang

„Für diese armen Menschen“, sagte der Kommunalpolitiker im Gießener Sozialausschuss, als es um die Einführung eines Behindertenbeirats ging.

Ich entdeckte zwei Fehler: für und arm. Warum soll etwas für uns passieren, wir wollen das ganze doch selber machen. Und warum sind wir arm. Manche von uns sind das, aber eigentlich war ja etwas andere gemeint. Ich wollte schon reinrufen, dass ich mich ziemlich reich fühle, reich an Überzeugung, reich an Überwindung, reich an eigenem Selbstbewusstsein, reich an Ideen und an Kraft. Aber ich lies es bleiben, mittlerweile zu diplomatisiert im Kopf, als dass ich das einfach schreien könnte. Leider.

17 Jahre zuvor:

Ich mache meine Augen auf, liege auf eine Bahre, die sich bewegt. Ich sehe um mich herum ziemlich viele Köpfe, über mir. Ein kurzer Augenblick dauert es, bis ich merke, dass das ja meine Mitschüler und mein Lehrer sind. Ich bekomme erzählt, dass ich einen epileptischen Anfall hatte. Ich beginne zu heulen, ich kann nicht mehr, mein Alptraum wurde Wirklichkeit, kurz vor meinem 18. Geburtstag.

Ich war gerade im zweiten Lehrjahr als Verwaltungsangestellter. Es sollte doch ein Büroberuf sein, der auch ohne Abitur möglich war. Entschied ich. Oder doch eher meine Eltern? Nach dem gescheiterten Versuch im Nordpfalzgymnasium klarzukommen, als ich als 10-jähriger erklärt bekommen habe, dass ich nicht in ihr Leistungsschema passe, und in der benachbarten Hauptschule eher schlecht als recht zurecht kam und meinen Realschulabschluss machte, wurde ich Auszubildender bei der Verbandsgemeindeverwaltung Kirchheimbolanden. Schon mit 14 hatte ich im Urlaub in Büsum den ersten großen Anfall, zumindest den ersten, den man mitbekommen hatte. Schon vorher war ich öfters mal in der Schule weggetreten, auch nach dem großen Anfall blieben die kleinen, bis heute. Heute kann ich damit umgehen, aber als Teenager, der Anerkennung will, der zur Gruppe dazugehören will, der deshalb mitsäuft und die ganzen anderen Sauereien mitmacht, und dann auf einmal öffentlich anders ist.

Anfallskranker, Epileptiker oder doch vom Teufel besessen. Gott sei Dank lebte ich nicht 20 Jahre vorher zum Beispiel in südwestdeutschland mit einem total Gottgläubigen Elternhaus. Dennoch war es nicht leicht, als klar war, nach dem zweiten großen Anfall auch medizinisch bestätigt: ich war Epileptiker.

Im Krankenhaus in Kaiserslautern haben sie mir dann auch kurzerhand klar gemacht, auch meine Eltern, dass mein Leben, so wie es bis jetzt war, zu Ende ist. Ich müsse zu festen Uhrzeiten ins Bett, aus dem Bett, müsse Medikamente  nehmen, dürfe keine Drogen nehmen und auf keinen Fall in die Disko. Das Flakkerlicht wäre Gift für mich, und es müsse unter allen Umständen verhindert werden, einen weiteren Anfall zu bekommen.

Die Ausbildung machte ich noch zu Ende, aber es wurde nie wieder so, wie es vorher war, mit meinen Freunden und Kollegen in der Berufsschule, mit meinem damaligen Freundeskreis, mit meinen Eltern, mit allen Menschen von damals. Es war anders, ich fühlte mich minderwärtig, ausgesetzt und vor allem sehr alleine.

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